Wenn *Selbstreflexion* dich nicht mehr weiterbringt.
- Nina Roosen

- vor 10 Stunden
- 5 Min. Lesezeit

Ich hatte oft Momente mit dem Gefühl, dass ich mich beim Nachdenken und Reflektieren irgendwie nur noch im Kreis drehe.
Mir war absolut klar, warum eine Situation schwierig ist, konnte benennen, was ich nicht mehr möchte, und mir oft sogar selbst erklären, woher bestimmte Verhaltensweisen kommen.
Und trotzdem steckte ich fest.
Inzwischen weiß ich, dass es nicht nur mir so ging, sondern dass so ziemlich jeder sich immer mal wieder an diesem Punkt wiederfindet. An dieser Stelle liegt eine Schwierigkeit, über die beim Thema persönlicher Entwicklung eher weniger deutlich gesprochen wird. Wir können uns selbst sehr gut kennen, ziemlich genau wissen, wie wir zu einem Thema beigetragen haben und auch warum wir gehandelt haben, wie wir gehandelt haben, und trotzdem bestimmte Dinge nicht sehen.
Das liegt nicht daran, dass wir zu wenig bewusst sind, eher daran, dass wir unser Leben auch immer nur aus unserer jeweiligen Perspektive betrachten können.
Wenn Selbstreflexion zum Gedankenkarussell wird
Du stellst dir genau die Fragen, auf die du selbst kommen kannst, suchst die Lösung innerhalb dessen, was in deiner Vorstellung liegt. Beurteilst eine Situation immer im Rahmen dessen, was du bisher für richtig gehalten hast, was du erlebt und gelernt hast.
Auch wenn es komplett normal ist, vergessen wir es oft und genau deshalb kannst du sehr lange und sehr klug über etwas nachgedacht haben und deine Gedanken bewegen sich trotzdem im Kreis.
Dabei kann es durchaus sein, dass du ein neues Buch liest, neue Gedanken entdeckst, im Schreiben eine andere Perspektive entwickelst oder im Sprechen mit Freunden blinde Flecken aufdeckst. Du probierst aus und tatsächlich verändert sich auch das ein oder andere im Leben.
Irgendwann stehst du dann wieder da und denkst: Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Das fühlt sich irgendwie genauso an wie …
Nicht dieselbe oder sogar eine vergleichbare Situation. Nicht dieselben Menschen oder dieselbe Umgebung. Und trotzdem ist da etwas, das sich ähnlich doof anfühlt und dir den Eindruck vermittelt: Das gibt’s doch nicht, jetzt passiert mir das schon wieder.
Ziemlich wahrscheinlich wird dir an diesem Punkt eine erneute Selbstreflexion mit dem neu Erlebten nicht unbedingt eine neue Erkenntnis bringen. Denn auch Selbstreflexion findet immer innerhalb dessen statt, was du bereits wahrnehmen und denken kannst.
Und genau DAS kann manchmal deine wirkliche Grenze sein.
Was ein Gespräch verändern kann
Ich denke, ist das einer der Gründe, warum ein Gespräch etwas in Bewegung bringen kann: Der eine Moment, wo in dir der erstaunte Gedanke auftaucht: So hab ich das noch nie betrachtet.
Das liegt nicht automatisch daran, dass du einem Menschen begegnet bist, der mehr weiß als du und vielleicht auch mehr als diejenigen, die vorher mit dir gedacht haben. Und auch nicht daran, dass jemand von außen die richtige Antwort auf dein Leben weiß.
Es liegt einfach daran, dass ein anderer Mensch an einer anderen Stelle steht als du. Dass er deine Geschichte mit anderen Erfahrungen, anderen Selbstverständlichkeiten oder einem erweiterten Blick auf die Welt wahrnimmt.
Da sagt auf einmal jemand etwas über das, worüber du schon seit Wochen grübelst. Nichts Weltbewegendes, nicht einmal etwas, was du grundlegend noch nie gehört hast. Aber genau dieser Satz berührt auf einmal eine ganz andere Stelle in dir. Hinter dem, was du hörst, stellt sich etwas, das gerade noch selbstverständlich war, infrage. Und damit kann eine Möglichkeit in dir auftauchen, die du gar nicht gesucht oder in Betracht gezogen hast.
Das ist das Schöne an Gesprächen, die Raum haben, tiefer zu gehen: Es kann etwas entstehen, auf das man allein nie gekommen wäre. Übrigens für beide Parteien.
Warum Mentoring manchmal Bewegung beschleunigt
Das ist auch ein Teil dessen, warum Mentoring so eine Kraft haben kann. Es geht nicht darum, jemandem zu sagen, wie sein Leben funktioniert, wer er ist oder welche Entscheidung richtig wäre.
Man kann gemeinsam in einem Raum sein, in dem nicht nur die eigene bekannte Perspektive vorhanden ist. Und genau das kann einen inneren Prozess an einem Punkt plötzlich beschleunigen.
Dafür braucht es einen Ort, an dem Veränderung Zeit hat, sich zu entwickeln. Weil eine neue Erkenntnis eben noch kein neues Leben macht. Die Erkenntnis wird geprüft durch neue Erfahrungen, die gemacht werden, neue Entscheidungen, die gewagt werden, und dem FÜHLEN, dass etwas, das anders ist, tatsächlich auch tragen kann.
Oft macht es genau den Unterschied, den du gerade brauchst, wenn da jemand ist, der von außen auf etwas schaut und die Dinge mit seinen Worten von einem anderen Platz neu ausdrückt.
Möglicherweise ist genau das auch der Unterschied zwischen einer Perspektive, die interessant klingt, und einer Perspektive, die dich berührt. Etwas das in dir klärt, was vorher nicht erreichbar war.
Es gibt keine zwei gleichen Erkenntnisse und Durchbrüche. Jeder Mensch bringt eine andere Geschichte, eine andere Welt mit sich. Und genau das macht für mich die Arbeit im Mentoring so interessant.
Und wenn die Antwort gar nicht fehlt?
Was mich dabei bewegt, ist die Frage: Was, wenn wir manchmal deshalb unsere inneren Knoten nicht auflösen können, weil uns ein kleines, aber wichtiges Detail fehlt? Wir die richtige Antwort nicht kennen? Und sie auch nicht kennen können, weil sie in unserer bisherigen Vorstellung vom Leben gar nicht vorkommt.
Ich habe irgendwo mal den Satz gelesen, dass wir unsere Probleme nicht am gleichen Ort auflösen können, wo sie entstanden sind. Wir können also unsere Probleme vielleicht nicht damit lösen, was wir schon wissen und können.
Du kannst mehrere Optionen haben, Ideen, wie eine Veränderung herbeizuführen ist. Jeder deiner Gesprächspartner wird dir etwas anderes aus seiner Perspektive raten. Jeder gibt dir eine Antwort, die du selbst schon hundertmal durchdacht hast. Dann schreibst du die Vor- und Nachteile auf, ziehst Karten, meditierst und suchst mit aller Anstrengung in deinem Inneren nach dem richtigen Weg. Dabei kannst du nächtelang wach liegen und immer wieder dieselben Möglichkeiten durch dein Denken hin und her kugeln.
Was ist mit Möglichkeit Nummer sechs oder sieben? Etwas, worauf du gar nicht kommst. Denn die Vorstellung davon, was möglich ist, bestimmt zwangsläufig auch die Richtung, in der du suchst. Dann liegt deine Begrenzung gar nicht im mangelnden Durchhaltewillen, in deiner Entscheidungsfähigkeit, deinem Mut oder gar deiner eigenen Komfortzone. Es liegt daran, dass du eine Grenze in deinem Denken hast, die du selbst gar nicht bemerkst.
Wie ein Raum, dessen Grenzen dir so selbstverständlich sind, dass du gar nicht auf die Idee kommst, dass es dahinter noch etwas gibt. Wenn sich hier auf einmal eine Tür öffnet durch eine komplett neue und andere Perspektive, dann öffnet sich der Raum, durch den du mit deinen Gedanken gehen kannst. Das gibt dir nicht unbedingt sofort eine Antwort, aber das, was denkbar ist, bekommt Platz und damit erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, dass du eine Entscheidung treffen kannst, die sich wirklich anders anfühlt.
Neubeginn muss noch keine neue Antwort sein
Im Jahreskreis meiner Raunächte gehört der August zum Thema Neubeginn. Ich mag grade in diesem Zusammenhang den Gedanken, dass es nicht immer sofort eine Antwort geben muss. Neubeginn als Wort klingt sofort so groß.
Neue Arbeit, neue Beziehung. Umzug, Entscheidung. Etwas, das viel von uns fordert und verlangt. Ich denke, Neues beginnt oft sehr viel früher, lange bevor wir selbst wissen, wohin es geht. Vielleicht ist eine neue Sicht auf dein Leben schon ein Neubeginn.
Wenn aus einem „So ist es eben“ ein Gefühl wird von „Vielleicht ist es noch ganz anders möglich“. Natürlich ist damit ist noch nichts gelöst im Außen, es gibt keinen Plan, keine Entscheidung. Oft braucht es noch einen Moment, bis wirklich eine Veränderung eintritt. Aber ich glaube, dass unterschätzt wird, was eine neue Möglichkeit, eine neue Sicht bereits innerlich verändert.
Beim Thema Veränderungen suchen wir oft nach dem EINEN Moment, an dem man es festmachen kann oder es sichtbar wird. Dabei hat die eigentliche Bewegung viel früher stattgefunden. In etwas so Kleinem wie einem Gedanken, einem Gespräch oder einer unerwarteten Begegnung.
In diesem kleinen Augenblick, in dem etwas, das lange als vollkommene innere Selbstverständlichkeit feststand, etwas weniger fest wird. Und genau das erscheint mir oft als der wahre Neubeginn.


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