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Sehnsucht verstehen: Zwischen Sehnsucht und Verpflichtung


Ein alter VW-Bus und ein Cabriolet fahren bei Sonnenuntergang am Meer entlang, während Möwen über ihnen fliegen,–ein Sehnsuchtsbild von Freiheit und Unterwegssein.

Wenn du deine Sehnsucht verstehst, heißt das nicht unbedingt, dass du ihr folgen musst. Diesen Satz habe ich einer Klientin in einem Mentoring gesagt und ihre Fragen haben mich selbst weiterdenken lassen. Zum Beispiel darüber, warum sich viele gar nicht mit ihren Sehnsüchten auseinandersetzen wollen oder sie überhaupt benennen wollen. Es wirkt fast schon gefährlich oder mindestens kindisch, überhaupt welche zu haben.


Warum sich Sehnsucht wie eine Forderung anfühlen kann


Und ich kann das gut verstehen, denn irgendwie scheint es nur zwei Alternativen zu geben. Entweder ist das, was man sich innerlich ersehnt, albern, naiv und unerfüllbar. Oder eine Sehnsucht verlangt, dass man ihr bedingungslos folgt, weil es der einzige Weg ist, wirklich seelenerfüllt zu sein. Dem schönen Ideal vom Leben im Van, dem Haus auf dem Land, dem Leben im Ausland, der Idee vom Künstlerleben oder davon, ein Hippie zu sein.


Sobald die Sehnsucht einmal ausgesprochen ist, scheint daraus eine Aufgabe zu werden und der innere Zwiespalt in der aktuellen Lebenssituation bekommt nochmals eine weitere Komponente, die mehr verwirrt, als dass sie zu einer Idee führt, wie das Leben gestaltet werden kann.

Gerade bei der Beschäftigung mit Spiritualität, Manifestationskursen und Lebensoptimierungsreels wirkt es manchmal so, als wären nur die offensichtlich außergewöhnlichen Lebensgeschichten es wert, gelebt zu werden. Andernfalls liegt es ja in einem selbst, weil man sich selbst nicht ernst und wichtig genug nimmt, nicht wahrhaftig genug etwas verändern will oder zu konditioniert und damit bequem in seiner Komfortzone bleibt, statt dem eigenen Weg zu folgen.


Gegensätzliche Sehnsuchtsbilder,und was sie erzählen


Dabei sind unsere Sehnsüchte eventuell gar nicht so sehr an das konkrete Bild gebunden, wie wir denken. Denn auch diese Bilder können durch das, womit wir uns beschäftigen, konditioniert sein.

Dazu kommt, dass wir ganz gegensätzliche Sehnsüchte in uns haben können. Das Leben in der Stadt mit seinem Trubel, den Menschen und den Cafés kann direkt neben der Sehnsucht nach einem Leben auf dem Land stehen, mit guter Luft, viel Ruhe und einem großen Garten, der dich selbst versorgt.


Manchmal kommt zu der eigenen inneren Stimme, die sich nach etwas sehnt, dann noch zusätzlich das Gefühl, man müsse einer eierlegenden Wollmilchsau hinterherrennen.

Freiheit und Sicherheit. Trubel und Ruhe. Eigenständigkeit und Verbundenheit. Und ich glaube ja gar nicht, dass wir nicht genau wissen, was wir wollen. Ich denke, die fast gegensätzlichen Bilder erzählen mehr darüber, welches Lebensgefühl wir in unserem Leben vermissen.


Wenn eine Sehnsucht das eigene Leben infrage stellt


Sehnsuchtsbilder tun noch etwas anderes: Sie stellen dein gegenwärtiges Leben infrage. Sie können darauf hinweisen, dass etwas nicht mehr passt oder in irgendeiner Form zur Belastung geworden ist.


Das kann ein Beruf sein, der einmal eine Berufung war und es vielleicht auch noch immer ist. Die eigentliche Arbeit erfüllt dich weiterhin, doch das System, das mit dieser Arbeitsstelle verbunden ist, ist nicht mehr tragbar. Die Anforderungen sind zu groß geworden, die Strukturen zu eng. Vielleicht hat sich die Verantwortung immer weiter ausgedehnt über die Zeit, oder das, was dich früher erfüllte, wird heute mit Aufgaben überdeckt, die dich belasten.

Zugleich scheint es, als könntest du diesem System nicht entfliehen. Bei einer anderen Arbeitsstelle ist es wahrscheinlich nicht anders. Diese Erfahrung hast du eventuell sogar schon gemacht. Eine wirkliche Alternative ist kaum noch vorstellbar. Dazu kommt noch, dass dein Leben mehr Verantwortung verlangt: für die Familie, Mietzahlungen oder andere Verpflichtungen. Daran gebunden ist auch die Notwendigkeit eines regelmäßigen Einkommens.


Warum wir unsere Sehnsucht lieber verdrängen


An dieser Stelle der eigenen Sehnsucht Raum zu geben, kann sich tatsächlich gefährlich anfühlen. Denn mit ihr stehen plötzlich sehr große Fragen im Raum: Was bedeutet das jetzt für mein Leben? Muss ich meinen Beruf aufgeben? Muss ich kündigen, eine Umschulung machen oder vielleicht sogar noch einmal ganz von vorn anfangen?


Kein Wunder, dass über all diese Gedanken ein inneres Chaos entsteht: zwischen dem Wunsch, all dem zu entfliehen, und dem Gefühl, darin gefangen zu sein. Zwischen der Sehnsucht nach einem anderen Leben und der Verantwortung für das Leben, das da ist.

Wenn dann noch der Eindruck entsteht, dass du nur heil und ganz sein kannst, wenn du genau diesen Wünschen und Sehnsüchten folgst, wird der Druck noch größer. Als gäbe es nur die Wahl, alles zu verändern oder sich selbst zu verraten.


Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb viele sich ihre Sehnsüchte manchmal lieber gar nicht so genau ansehen, sie in den Bereich der Jugend packen und sie vernünftig zur Seite legen, da sie keine wirklich gesunde Alternative darstellen. Und solange sie unbestimmt bleiben, verlangen sie auch keine Antwort. Sobald sie aber in einem Gespräch benannt werden, kann dich gleichzeitig auch die Erkenntnis treffen, dass dir etwas im Leben fehlt.


Sehnsucht verstehen: Das Bild ist nicht immer der eigentliche Wunsch


Bei mir im Mentoring ist das Benennen einer Sehnsucht kein Leitstern, der jetzt erfüllt werden muss. Es wird nicht zum Ziel der Begleitung erklärt. Erst einmal lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen, welches Gefühl mit dem jeweiligen Bild verbunden ist.


Manche Sehnsuchtsbilder zeigen nicht wirklich ein konkretes Leben, das du genauso führen möchtest, sondern vielleicht ein Lebensgefühl, das du vermisst. Sie sind dann mehr Symbol als fertiger Lebensentwurf. Das macht sie nicht weniger wahr. Sie können wie ein Kompass auf etwas hinweisen, das in deinem Leben gerade zu kurz kommt.

Das Gefühl von Freiheit, das zum Beispiel mit einem Leben im Van und neuen Abenteuern verbunden wird, kann ein Wunsch nach mehr Eigenraum sein. Nach mehr Zeit, über die niemand anderes verfügt. Nach der Möglichkeit, sich einfach treiben zu lassen, ohne das Gefühl von Verpflichtung und Verantwortung.


Meistens möchte man ja gar nicht tatsächlich in einem Van leben. Denn neben dem Bild der Freiheit gibt es dort auch Enge, Unsicherheit und das ständige Unterwegssein, die dir nach kurzer Zeit vielleicht sogar auf die Nerven gehen. Was nicht bedeutet, dass das Bild, das du in dir trägst, nicht etwas Reales berührt.

Auch das Sehnsuchtsbild der Künstlerseele, die im eigenen Atelier große Bilder malt, drückt manchmal eher den Wunsch aus, verwegener und eigenwilliger zu leben und dem eigenen Leben mehr Farbe zu geben.


Sogar das Haus auf dem Land muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass du wirklich dort leben möchtest. Vielleicht geht es um Ruhe, Natur, einen anderen Rhythmus oder um das Gefühl, wieder mehr mit dir selbst und der Natur verbunden zu sein.

Ich denke, vielen von uns fehlt schlicht und ergreifend das Gefühl, dass es neben all dem, was unser Leben bewegt, noch etwas Eigenes gibt. Etwas, in dem wir uns wiedererkennen und das nicht nur einer weiteren Verantwortung dient.


Führt die Sehnsucht aus dem bisherigen Leben hinaus?


Sehnsuchtsbilder können dich dabei an einen ganz anderen Punkt führen, als du zunächst vermutest. Nicht immer zwangsläufig aus deinem gegenwärtigen Leben hinaus, eher tiefer hinein in die Frage, was genau eigentlich so eng oder schwer geworden ist.

Und am Ende könntest du auch feststellen, dass die Belastung nicht darin liegt, dass du im falschen Beruf oder Leben bist. Es könnte auch darum gehen, die eigenen Grenzen wieder so zu verschieben, dass du in deinem Traumberuf atmen kannst. Dass wieder Platz ist für beides: für die Berufung und für ein Leben, das sich weiter und freier anfühlt. Ein Leben, in dem es noch etwas anderes gibt als die Schwere eines Systems, das in sich unvollkommen ist und manchmal auch als solches stehen gelassen werden darf.


Natürlich ist das keine allgemeine Antwort. Für einen anderen Menschen kann dasselbe Sehnsuchtsbild tatsächlich bedeuten, dass eine größere Veränderung notwendig wird. Es lässt sich nicht pauschal festlegen, ob eine Sehnsucht nach mehr Raum innerhalb des bestehenden Lebens verlangt oder ob sie auf ein anderes Leben verweist. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, den eigenen individuellen Prozess.

Und diese Frage muss auch gar nicht in dem Moment beantwortet werden, in dem du deine Sehnsucht erkennst oder sie zum ersten Mal aussprichst.


Die eigene Sehnsucht anerkennen, ohne sofort zu handeln


Eigentlich erfährst du in den meisten Fällen beim Blick in die eigenen Sehnsuchtsbilder gar nichts Neues. Du weißt schon längst, was zu viel geworden ist, was nicht mehr passt oder wonach du dich sehnst. Es macht aber einen Unterschied, ob du es nur flüchtig spürst oder anerkennst, dass es so ist.

Anzuerkennen, wo du gerade stehst. Was möglich ist und was im Augenblick nicht möglich ist. Dass du eine Sehnsucht hast, der du vielleicht nicht folgen kannst. Und dass sie trotzdem da sein darf, ohne dass du direkt dein ganzes bisheriges Leben infrage stellen und alles sofort verändern musst.


Es geht nicht immer darum, eine Entscheidung zu treffen. Manchmal geht es erst mal darum, etwas in dir nicht länger wegzuschieben, nur weil du noch nicht weißt, was daraus werden soll.

Vielleicht entsteht daraus irgendwann eine neue Idee. Mehr eigener Raum. Eine Grenze, die wieder sichtbar wird. Ein Teil der Verantwortung, der nicht länger für andere getragen wird. Oder etwas mehr Frieden innerhalb all dessen, was gerade ist.

Das ist kein Ersatz für eine größere Veränderung, falls diese wirklich notwendig ist. Es hilft dir, klarer sehen zu können, ob deine Sehnsucht von einem anderen Leben erzählt oder davon, wie du in deinem Leben wieder freier atmen kannst.


Eine Sehnsucht zu verstehen heißt nicht, ihr sofort folgen zu müssen. Sie darf vorhanden sein, ohne dass aus ihr unmittelbar eine Forderung wird. Manches darf auch einfach ein schöner Traum sein. Und vielleicht kannst du gerade dann genauer wahrnehmen, worauf deine Sehnsucht im Leben eigentlich zeigt.



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