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Neurodivergenz und Selbstführung.

Eine Frau schaut nachdenklich aus ihrem mit allerlei pflanzen dekoriertes Fenster. Es scheint als sei sie in ihrer inneren Welt versunken und denkt über das Thema Selbstführung nach.


Selbstführung beginnt dort, wo du dein eigenes System verstehst.


Neurodivergenz bedeutet erst einmal, ich denke und fühle anders. Und das passt ganz oft nicht in unsere moderne Welt. Und vielleicht erkennst du dich darin wieder, selbst wenn du dich gar nicht als neurodivergent bezeichnen würdest. Das Gefühl, irgendwie anders wahrzunehmen, schneller zu spüren, mehr mitzubekommen oder dich in bestimmten Strukturen nicht wirklich wiederzufinden.


Viele neurodivergente Menschen lernen schon sehr früh im Leben, sich und die Umwelt genau zu beobachten, um herauszufinden: Wie passe ich da jetzt rein? Was muss ich machen, um „richtig“ zu sein? Und genau das KANN ein besonderes Talent werden oder auch das, was dich am meisten blockiert.


Mit der Zeit wird aus dieser ständigen Beobachtung eine innere Anstrengung. Da es schon so früh im Leben geübt ist, fällt es nicht mehr auf, nicht einmal dir, weil es normal geworden ist. Du funktionierst, gleichst aus und versuchst vorherzusehen, was andere brauchen, erwarten oder nicht verstehen. Es ist Alltag geworden, du passt dich irgendwie an, ohne dass jemand bemerkt, dass dein inneres System einen Hochleistungsakt vollbringt.


Genau diese inneren Vorgänge haben mich gelehrt, mich selbst zu führen.


Für mich gehören Neurodivergenz und Selbstführung deshalb eng zusammen.

Selbstführung ist keine Methode oder ein weiterer Plan für neurodivergente Menschen. Und ganz sicher ist es kein Selbstoptimierungsprogramm für jedermann. Sie beginnt dort, wo du aufhörst, dich nur an äußeren Maßstäben zu orientieren, und anfängst zu verstehen, wie dein eigenes inneres System wirklich arbeitet.

Gerade für neurodivergente Menschen kann das ein Durchbruch sein. Aber nicht nur für sie. Eigentlich für jeden Menschen, der irgendwann gemerkt hat, dass noch mehr Anstrengung nicht automatisch zu mehr Klarheit führt. Für jeden, der sich immer wieder zusammenreißt, anpasst, optimiert und trotzdem spürt, dass er sich dabei nicht näherkommt, sondern eher weiter von sich entfernt.

Selbstführung ist kein Tool, das sich als Allheilmittel verkauft. Sie verändert nicht alles auf einmal. Aber sie verändert die Richtung, weil sie dir andere Fragen stellt.


Ich selbst habe bei mir und meinen Kindern wirklich jedes Tool ausprobiert: Kalender, Listen, Routinen, Reizreduktion, Pausen, Planung, Strategien. Ja, und alles hat irgendwie geholfen, mal mehr, mal weniger. Und mit oder ohne Diagnose weiß fast jeder Mensch längst, was theoretisch helfen könnte. Systeme wurden ausprobiert, Apps gelöscht, neue Notizbücher angefangen, Routinen aufgebaut und wieder verloren. Und dabei denkt fast jeder, er wäre der Fehler, es mangelt einfach an der Disziplin.

Dabei könnte der Fehler auch darin liegen, dass du versucht hast, dich mit einem System zu führen, das gar nicht zu deinem inneren Aufbau passt. Und genau dann wird die aufgebaute Struktur statt zu einer Hilfe zu einem weiteren Ort des Scheiterns.

Selbstführung klingt irgendwie nach Kontrolle und Klarheit, nach Stärke, Entscheidung und unbedingter Konsequenz.


Wenn von Neurodivergenz und Selbstführung die Rede ist, wird genau das oft angenommen.


Das wäre vor allem für neurodivergente Menschen, aber auch für sensible, fein wahrnehmende oder sehr verantwortliche Menschen, eine Art Falle. Das Nervensystem arbeitet hier schon auf Hochtouren, weil Reize stärker wirken, Zustände schneller kippen und Übergänge schwerfallen. Noch mehr Kontrolle macht dann alles noch sehr viel enger.


Selbstführung ist kein „Ich zwinge mich in eine Form“, es ist ein „Ich lerne, mich wahrzunehmen, bevor ich mich verliere“. Die Frage ist nicht nur: Was ist der nächste Schritt, den ich gehen muss? Sie ist viel präziser: Aus welchem inneren Zustand heraus gehe ich den Schritt?

Das wirkt so gesehen erst einmal fast zu einfach, verändert jedoch viel. Denn viele Entscheidungen scheitern daran, dass sie aus einem überreizten, erschöpften oder fremdbestimmten Zustand getroffen werden, nicht weil die Entscheidung sachlich falsch wäre.


Ich arbeite nicht nur mit dem, was jemand erzählt. Ich schaue auf Zusammenhänge. Auf Muster und Wiederholungen. Auf deine inneren Bewegungen und das, was zwischen den Sätzen sichtbar wird. Man könnte sagen: Ich lese und verstehe Systeme, ohne etwas zu diagnostizieren oder einen Menschen einzuordnen. Ich sehe das, was sichtbar wird, und drücke aus, wie es zusammenhängt.


Dann kann es sein das du mit der Frage kommst: Warum bekomme ich das nicht hin?

Oder vielleicht einfach, weil du merkst: So, wie ich gerade lebe, arbeite, entscheide oder funktioniere, stimmt es nicht mehr, ich weiß aber nicht, wie ich es besser machen kann.

Aber bei genauerem Hinsehen verbirgt sich dahinter unter Umständen ein zu eng getakteter Alltag, ein unerkanntes Muster, das dich immer wieder hineinbewegt in Verantwortungen, die nicht deine sind, vielleicht leistest du zu viel emotionale Arbeit. In der Regel fehlt nicht Motivation zur Veränderung, sondern ein sicherer innerer Ort, von dem aus entschieden werden kann.

Und manchmal braucht es viel weniger von dem, was dich am Funktionieren hält, und mehr von einer Ordnung, die dein spezielles System braucht, damit du nicht immer gegen dich selbst arbeitest.


Viele Menschen sind sehr gut angepasst, oft sogar zu gut.


Gerade wenn Neurodivergenz eine Rolle spielt, denn das Anpassen ist ja gut einstudiert durch die stetige Beobachtung der eigenen Person und der Umwelt. Und genau dieses jahrelange Beobachten hat sich dann vielleicht zu etwas entwickelt, in dem du auf fast unheimliche Art immer weißt, wie es dem anderen geht, wie die Stimmung in einem Raum ist, wo etwas nicht stimmt. Du nimmst auch viel schneller wahr, was noch keiner gesagt hat.

Wenn aber dieses Talent nicht geführt wird, dann wird deine Wahrnehmung zu einer Dauerüberforderung, deine gut entwickelte Empathie zu Selbstverlust und Verantwortung zu einem dauernden Gefühl der Verantwortung.


Selbstführung bedeutet, klarer zu unterscheiden, was zu dir gehört und was einem anderen. Das, was wirklich deine Verantwortung ist, und was du einfach übernommen hast, weil du es schlicht konntest. Und gerade für neurodivergente Menschen kann diese Unterscheidung ein Durchbruch sein, die eigenen Muster zu verstehen. Aber im Grunde gilt sie für jeden Menschen, der gelernt hat, mehr zu tragen, als eigentlich zu ihm gehört.


Ich glaube nicht, dass Veränderung immer laut ist.


Manchmal braucht es eine Erkenntnis, dass mit dir nichts falsch ist, dein System einfach nur eine andere Form der Führung braucht.


Es kann dein ganzes Leben neu sortieren. Wenn du dich ernst nimmst. Denn je besser du dich selbst erkennst, desto besser erkennst du auch deinen Ausgangspunkt. Nicht immer perfekt und stabil, aber ehrlich.


Selbstführung ist keine Technik, die dir Wunder verspricht. Sie ist der Weg zurück in eine ehrlichere Beziehung zu dir selbst.



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